Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Landesverband Bremen e. V.

Caroline Walter, Projektleiterin "Barrierefreies Radfahren" © ADFC BW

Drei Fragen an Projektleiterin Caroline Walter: Radfahren für alle ermöglichen

Caroline Walter ist studierte Stadtgeographin und seit 1. Oktober 2026 Projektleiterin von „Barrierefrei mit dem Rad unterwegs.“

1. Was reizt dich persönlich an der Aufgabe, das Projekt „Barrierefrei mit dem Rad unterwegs“ zu leiten?

Ich war in den vergangenen Jahren an der Universität Heidelberg tätig und immer auf der Suche nach Möglichkeiten, meine wissenschaftliche Arbeit praxisnah zu gestalten. Nun freue ich mich riesig darüber, dass mir das Projekt die Möglichkeit gibt, wissenschaftliches Arbeiten, Veröffentlichungen und Kongressbesuche mit Verbandsarbeit, Austausch mit Betroffenen und kommunaler Planung zu verbinden. Projektergebnisse können so in direkter Kooperation mit denjenigen, die davon am meisten profitieren, erarbeitet werden und erreichen über das Netzwerk des ADFC viele radbegeisterte Menschen.

Als etablierter Verein mit engagierten Orts- und Kreisverbänden, einem großen Netzwerk aus kommunalen Vertreter*innen und Kontakten in Wirtschaft und Tourismus ermöglicht es der ADFC, ein solches Projekt sehr vielfältig aufzuziehen und kreativ umzusetzen. Das Thema Radfahren mit Behinderung ist in der Wissenschaft stark unterrepräsentiert, obwohl der gesellschaftliche Bedarf an barrierefreien Infrastrukturen groß ist. Mein Ziel ist, wenigstens einen Teil dieser Lücke mit unseren Projektergebnissen zu schließen. Da mein fachlicher Hintergrund auf Mobilitätsforschung, Mobilitätsgerechtigkeit und Familien- und Kindermobilität liegt, bin ich auch gespannt darauf, mein Wissen im Bereich Barrierefreiheit auszubauen.

2. Was muss sich ändern, damit Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt und sicher Rad fahren können?

Beim Thema Barrierefreiheit muss Angebots- statt Nachfrageplanung betrieben werden. Denn wer sich im Straßenverkehr unsicher fühlt oder die existierenden Radwege aufgrund baulicher Hindernisse nicht nutzen kann, der fährt auch nicht mit dem Fahrrad – und bleibt unsichtbar. Wird Barrierefreiheit von Anfang an in jedem Planungsprozess mitgedacht und so Radnetze ohne Stufen, Poller, Lücken und mit guter Infrastruktur entlang der Wege geschaffen, bringen wir Menschen mit Behinderung auch auf die Radwege – und ermöglichen ihnen damit gesellschaftliche Teilhabe, selbstbestimmt unterwegs zu sein und sich sportlich zu betätigen.

Neben baulichen Hürden beeinflusst auch das Sicherheitsempfinden, ob man sich traut, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein oder nicht. Volle innerstädtische Straßen und hohes Tempo von Auto-, aber E-Bikes, erschweren es, Geschwindigkeiten einzuschätzen und rechtzeitig auf diese zu reagieren. Wer sich hier unsicher fühlt, steigt auch nicht aufs Fahrrad. Wir erarbeiten im Projekt daher Empfehlungen, die zukünftig in der kommunalen Planung genutzt werden können, um sichere, barrierefreie Infrastrukturen zu bauen. Hier bin ich besonders dankbar für unseren Beirat, der uns im Projektteam fachlich unterstützt und wertvolle Anregungen gibt.

Dabei muss sich ein Stück weit auch die gesellschaftliche Einstellung ändern, denn Barrierefreiheit ist kein abstraktes Thema, das nur eine kleine Minderheit betrifft. 10 Prozent der Bevölkerung haben eine Schwerbehinderung, die meisten von uns kennen Personen, die aufgrund von Krankheit, Alter oder Unfällen eingeschränkt sind. Und von barrierefreien Infrastrukturen profitieren am Ende alle: die blinde Nachbarin, der Vater mit Kinderwagen und der Opa, der nach einen Schlaganfall nicht mehr mit dem normalen Fahrrad unterwegs sein kann.

3. Was möchtest du mit dem Projekt in den kommenden Jahren konkret erreichen – und woran werden wir erkennen, dass es erfolgreich war?

Ich habe drei Ziele: Sichtbarkeit schaffen, Akteure verknüpfen und Ergebnisse verstetigen.

Um das Radfahren mit Behinderung und Spezialfahrrad sichtbarer zu machen ist, haben wir mit Vorträgen auf der Fahrradspezialmesse in Freiburg und unserem Parlamentarischen Abend am 7. Oktober bereits den Grundstein gelegt. In den nächsten Monaten werden wir unsere Projektergebnisse auch durch weitere Veröffentlichungen, Vortrags- und Videoformate in die Gesellschaft tragen.

Ein Netzwerk aufzubauen ist dabei unumgänglich, da in den Sozialverbänden, den Kommunen, der Tourismusbranche und dem ADFC selbst bereits so viel Expert*innenwissen zum Thema Barrierefreiheit und Radfahren mit Behinderung existiert, das unbedingt aufbereitet und an die richtigen Stellen weitergeleitet werden muss. Um das zu erreichen, werden wir auch in den verbleibenden zwei Jahren des Projekts Veranstaltungen zum Thema anbieten und auf Tagungen und Messen zu Gast sein, als nächstes z.B. auf der SPEZI in Freiburg und voraussichtlich der REHAB in Karlsruhe.

Ein Projekt, sei es noch so relevant, bringt nichts, wenn die Ergebnisse letztendlich nicht in der Praxis nutzbar sind. Wir setzen daher auf regelmäßige Updates auf unserer Website und unseren Social Media-Kanälen, aber auch auf praktisch anwendbare Empfehlungen für Kommunen, wissenschaftliche Veröffentlichungen und die Entwicklung von Datenstandards, die in Apps überführt und zukünftig die Navigation barrierefreier Routen erleichtern sollen.

Wenn in ein, zwei Jahren eine Enkelin ihrer Oma nach dem Schlaganfall ein Dreirad empfiehlt, weil sie über unseren Account von Spezialfahrrädern erfahren hat, oder eine Familie mit Kind oder Elternteil im Rollstuhl zum ersten Mal eine Radreise unternimmt, weil es dank unserer Empfehlungen nun leichter fällt, barrierefreie Routen online einzusehen, haben wir viel erreicht.

Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Verkehr (BMV) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP).

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